Konzept

Im Unterschied zu den hergebrachten Formen der Erwachsenenbildung trägt das Sozialwissenschaftliche Forum durch seine besondere Form der Tatsache Rechnung, dass es selbst Element des sozialen Lebens ist. Es bietet seinen Teilnehmern die Möglichkeit, die Willensimpulse, die ihnen aus der gedanklichen Arbeit erwachsen, vor Ort bereits in die Tat überzuführen.

Im Anschluss an den theoretischen Teil kann jeder Besucher der Veranstaltung seine Arbeit oder seine Initiative vorstellen. So darf sichtbar werden, wer was kann oder braucht, und mit wem man gegebenenfalls Gespräche über eine Zusammenarbeit führen möchte. Das Sozialwissenschaftliche Forum geht aber noch einen Schritt weiter, und übergibt den Besuchern die Organisation der eigenen Veranstaltung: Wer einen Redner oder ein Thema für ein nächstes Forum vorschlägt, übernimmt die Leitung des nächsten Forums, sofern er dieses unternehmerisch verantworten kann, sofern er also Unterstützer für sein Vorhaben findet.

Dem Vortragenden schließlich bietet das Sozialwissenschaftliche Forum ein neues Klima des Wohlwollens. Denn dadurch, dass die Anregungen des Redners unmittelbar an der Praxis gemessen werden können, interessiert es die Besucher nicht mehr so sehr, welcher Gedanke sich theoretisch widerlegen lässt. Viel interessanter ist das Berechtigte im Denken jedes Redners, von dem sich die Besucher jetzt gerne zu neuen Taten anregen lassen wollen.

Geschichte

Im Herbst 2009 trat Thomas Brunner an Johannes Mosmann mit der Idee heran, in Berlin eine sozialwissenschaftliche Veranstaltungsreihe in der oben beschriebenen Form zu versuchen. Johannes Mosmann fand schnell weitere Interessierte, darunter Andreas Schurack, der dann im März 2010 zu einem ersten Vorgespräch in das Sinnewerk einlud. Dort erläuterte Thomas Brunner seine Idee, diese fand großen Zuspruch, und so konnte schon für den 22. Mai das erste Sozialwissenschaftliche Forum anberaumt werden. Auf diesem ersten Forum zeigte sich, dass das Konzept den Teilnehmern einleuchtete, und so wuchs die Teilnehmerzahl mit jeder weiteren Veranstaltung. Einer der Teilnehmer war Jörn Sakuth, der dann in Leipzig ebenfalls ein Sozialwissenschaftliches Forum gründete.

Die Gründungsmitglieder des Berliner Forums waren: Thomas Brunner, Ulja Novatschkova, Stefan Böhme, Teo Vadersen, Sylvain Coiplet, Johannes Mosmann, Andreas Schurack, Friedmut Dreher, Michael Wilhelmi, Georg Peltzer und Armin Grassert. Seither sind weitere Unterstützer hinzugekommen.

Initiatoren

Das Sozialwissenschaftliche Forum ist eine Initiative von Menschen, nicht von Institutionen. Da sich bei jeder Veranstaltung das Organisationsteam für jede weitere Veranstaltung neu findet, werden immer neue Menschen verantwortlich für das Forum sein. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die bisherigen Veranstaltungen im wesentlichen von der kontinuierlichen Mitarbeit von 9 Personen getragen wurde. Diese Personen sind zugleich die Gründer der folgenden Institutionen:

Freie Bildungsstiftung

Institut für soziale Dreigliederung

Sinnewerk e.V.

Bewegung für soziale Dreigliederung e.V.

Hintergrund

Ein bloß beobachtender Standpunkt ist gegenüber dem sozialen Leben nicht möglich. Hier ist der Beobachter zugleich Produzent der Erscheinung, die er beobachtet. Nimmt er also einen bloß beobachtenden Standpunkt ein, gibt eben dieser Standpunkt dem sozialen Leben sein Gepräge. Er betrachtet zunächst das soziale Leben wie etwas, dass sich ohne sein Zutun vollzieht. In der Folge erscheint ihm das soziale Leben in der Tat so, dass er nicht mehr angeben kann, wie genau er an der Hervorbringung der Erscheinung beteiligt ist. Sind die Verhältnisse ungünstig, spricht er jetzt von einer "Krise". Er fühlt sich überrascht von "Finanzkrise", "Energiekrise" oder "Bildungskrise". Das Sozialwissenschaftliche Forum will deshalb schon innerhalb der Wissenschaft den Standpunkt wechseln.

Die Krisen der Gegenwart wurzeln in den Handlungen von Menschen. Jede Handlung ist wiederum bestimmt durch die Art, wie der handelnde Mensch über das soziale Leben und sein Verhältnis zu diesem Leben denkt. Denkt er nun so über sich und das soziale Leben, dass er letzteres äußerlich beobachten will, dann sieht er dadurch ab von der Art, wie er selbst innerlich wirkend in dem sozialen Leben drinnen steht. Dieses Absehen von dem Ursprung des sozialen Lebens tritt ihm dann äußerlich als "Krise" entgegen. Auf jene Krise kann er sich nun keine andere Antwort mehr denken, als wiederum eine äußerliche: Der Staat, ein Gelehrten-Gremium, ein Weltgipfel soll steuern. Auf diese Art gräbt sich der Mensch immer tiefer in die eigene Krise ein.

Objektivität ist im sozialen Leben nur möglich, wenn in die Beobachtung der sozialen Phänomene das soziale Wollen mit aufgenommen wird, das den Standpunkt des Beobachters definiert. Die Artikulation des sozialen Wollens und die exakte Bestimmung der Punkte, an denen dieses Wollen die sozialen Phänomene beeinflusst, ist somit die Voraussetzung für die Begründung einer Sozialwissenschaft als Wissenschaft. Der Ort dieser Wissenschaft kann deshalb niemals die Hochschule und niemals das Forschungsinstitut sein, sondern nur der Raum zwischen den Akteuren des sozialen Lebens, den diese als sozial wollende eröffnen.

Wenn heute jeder Mensch verantwortlicher Mitgestalter des sozialen Lebens werden soll, dann muss auch jeder Mensch die Möglichkeit bekommen, sich einerseits die dafür erforderlichen Kenntnisse über das soziale Leben anzueignen, und sich andererseits seines sozialen Wollens bewusst zu werden. Das sozialwissenschaftliche Forum will deshalb die Sozialwissenschaft nicht bloß herausholen aus der Institution und zu einer Angelegenheit jedes Menschen machen, sondern bereits auf ihren Veranstaltungen jedem Menschen Mittel in die Hand geben, um seinen Willen im sozialen Leben zu betätigen.